99 Brandungen und ein glückbringender Sonnenaufgang

 
Zum beruhigenden Rauschen und Rasseln der Brandung, die, wenn man genau hinhört, wie ein schnarchendes Nilpferd mit leichtem Asthma klingt, schlafe ich wie ein Baby. Ab 4 Uhr – ich schlafe schließlich seit 20 Uhr – liege ich wach, noch ein wenig müde, und höre wie hier und dort Vögel in das Rasseln und Röcheln einstimmen. So geht Glück!
 
Könnte die Wiener Sozialversicherung bitte künftig Brandungstherapie auf Krankenschein verschreiben? Hilft in 99,9 Prozent der Fälle gegen Schlaflosigkeit, Depression und alles, was sonst unter die Leiden der Menschheit fällt. Es mag einem die Lust aufs Schlafen vergehen, aber die Lust aufs Leben war nie größer.
 
Lange vor dem Sonnenaufgang bin ich am Strand und beobachte die Farbtöne der Morgendämmerung über dem Meer und der Inselwelt. Hier und jetzt ist einfach alles perfekt, nicht einmal sandflies trüben das Morgenidyll. Sogar die Algen, die sich an Land spülen haben lassen, haben sich die Mühe angetan, sich wie kleine Inseln zu arrangieren.
 
Jetzt warten sie mit mir und zwei Möwen auf den Sonnenaufgang. Eine der Möwen trottet neben mir den Strand entlang, fast bin ich versucht, ein shake hands mit ihr zu versuchen. Wer weiß, vielleicht kann sie auch bellen?
Die andere Möwe macht sich unentschlossen die Füße nass, ehe sie sich doch entschließt, sich in ihre große Badewanne, die schönste der Welt, gleiten zu lassen. Dennoch: nicht auszuschließen, dass sie dabei eine Gänsehaut bekommt.
 
Ich entdecke Känguruspuren im Sand und folge ihnen, bis mich der Mut kurz vor den meterhohen steilen weißen Sanddünen dann doch verlässt. Dann stehe ich wieder still und lausche der Brandung (als ob man sich dafür anstrengen müsste) und kurz, ganz kurz, stelle ich mir vor, wie es sich anfühlen würde, wenn man ihren Ton kurz wegschalten würde. Was bliebe von diesem Moment? Nichts als das Atmen von zwei Möwen und mir und vielleicht ein leise kreischender Kakadu in den Büschen, ein schnarchendes Känguru vielleicht oder das Rascheln eines bandicoot, von dem ich nicht mal weiß, wie es aussieht, geschweige denn, welche Geräusche es macht.
 
Ich merke, wie ich immer tiefer hinein und hinunter gezogen werde in den feuchten, klebrigen Sand. Slump nennt man das hier, und ich habe keine Ahnung, was genau das bedeutet, doch ich kann erahnen, dass es mit Süchtigwerden auf diesen Moment zu tun hat. Hinter einem der Inselberge gibt sich schließlich die Sonne die Ehre, mit ihr das Versprechen eines glückbringenden Tages. Lucky Bay, welch treffender Name!
 
Etwas später erwacht auch der "Buschauffeur" und wir machen einen Strand-Walk zu einer Aussichtsplattform mit Blick über die Bucht. Das Panorama ist gigantisch und ich erlebe eines der glücklichsten Ichs, die ich je hatte. Das glücklichste Ich hat zwar fette Haare, da der Andrang auf die mickrigen zwei Duschen gar zu groß war, aber ein glückliches Ich versteht es, nicht in den Spiegel zu sehen (der im Auto verzerrt auch ein Soletti zu einem Mammut) und allen Nahaufnahmen zu entgehen.
 
Dieser Nationalpark hat es sowieso schon in die Top 5 meiner Nationalparks der Welt geschafft, und diese Bucht jetzt auch. Wer diese unzähligen Türkisschattierungen gesehen hat, wenn sich die Wellen mit ihren weißen Irokesenhäubchen wie Delfine kopfüber ins Meer stürzen, wünscht sich, Maler zu sein – oder zumindest eine Kamera zu haben, deren einziger Akku wegen des stromlosen Campings nicht mit jedem der hundert Brandungsfotos weiter gen Null eilt. (Ja, wir haben Ersatzkameras mit, aber diese sind klein, zoomarm und haben keinen Sucher, was bei diesem Licht mehr Glück für ein gelungenes Foto erfordert als der Vierfachjackpot.)
 
Ich mache aus demh alten Song "Home, home on the ranch" ein "Home, home on the beach where the kangaroos preach", was die Wahrheit zwar ein klein wenig verfälscht, die Leichtigkeit des Morgens aber gut auf den Punkt bringt.
 
Schweren Herzens fahren wir schließlich ab, auch wenn ich mich einen weiteren Tag und eine weitere Nacht mit nichts als der Brandung, dem Meer und den Kängurus hätte beschäftigen können. (Okay, mit der Kamera auch und eventuell sogar mit einem Buch, zu dem ich seit dem Flug von Neuseeland nach Perth nicht mehr richtig gekommen bin. Klingt komisch, ich weiß, aber Little Max und jetzt die Natur erforderten eben meine ungeteilte Aufmerksamkeit.)
 
Auch die heutige Etappe führt in einen Nationalpark, den Fitzgerald River NP. Da wir ohnehin nach Esperance zurückmüssen, können wir uns nun endlich den Nationalparkpass besorgen, und endlich auch ein Autoladegerät für meine Kamera. Die Stadt ist nach dem Wochenende wiederauferstanden und bietet alles, was wir brauchen. Am WC vom riesigen Woolworths-Supermarkt fülle ich noch unsere Wasserflaschen auf, am Parkplatz posten wir ein morgendliches Panoramafoto auf facebook (oh, die Annehmlichkeiten der Zivilisation) und los gehts in den nächsten Nationalpark, wo wir hoffentlich ohne Bangen einen Stellplatz bekommen werden. Vielleicht bleiben wir heute von den unnötigen Aufregungen des Tages verschont und können wieder wie erwachsene Menschen bis, sagen wir, 22 Uhr wach bleiben.
 
Zwei Stunden später lache ich mir den größten Ast, den ich mir jemals gelacht habe. Einen Stellplatz ergattern??? Im Fitzgerald sind wir anfangs die einzigen Besucher, und das hat einen Grund. Der Campingplatz wurde anscheinend neu verlegt und liegt nun nicht mehr direkt am Strand, obwohl man je nach Windrichtung die Brandung hören kann. Das ganze Areal ist eine strikt geordnete Asphaltwüste. Man blickt aus dem Auto zwar ins Grüne, aber es gibt kein wildlife hier und auch von den 178 Vogelarten in diesem Park sehe ich keine einzige – sofern es sich bei der Fülle von Riesenameisen nicht doch um flugfähige Objekte handelt. Wir bleiben trotzdem. Es ist bereits zu spät, um noch weiterzufahren und wir machen uns einen gemütlichen Tagesausklang zwischen Auto und Barbecue. Wenn uns der Wind nicht die Steaks vom Griller bläst, steht einem genussvollen Grillabend nichts und auch niemand mehr im Weg.

Da lache ich mir eine Stunde später schon wieder einen Ast, obwohl uns das Lachen jetzt langsam vergeht. Irgendwie war der Tag scheinbar der Ansicht, dass zu viel Langeweile nicht gut für uns ist. Denn als wir den kostenlosen Griller anwerfen wollen, stellen wir fest, dass dieser nicht automatisch zündet. Wir haben natürlich keine Zünder dabei – auf einem Campingplatz, wo wir außer einem Ehepaar aus Oregon (natürlich ebenfalls ohne Anzünder) die einzigen Gäste sind. Also doch im Auto kochen, und zwar ganz viel. Denn der Tag beschert uns noch eine Überraschung. Der Kühlschrank ist zum Wärmeschrank mutiert, sodass wir Steaks UND Würstchen verkochen müssen. Unserer Fülle an frisch gebunkerten Goodies können wir nun beim Verderben zusehen, was eigentlich nicht Sinn derSache war. Die TK- Dim Sums sind schon aufgetaut und müssten gleich entsorgt werden. Geht aber nicht, denn auf diesem Campingplatz gibt es keinen Müllbehälter, man muss seinen eigenen Müll auch wieder rausschaffen. Die Vorstellung, wie es im Auto und wie wir morgen riechen werden, nachdem wir eine Nacht gemeinsam mit Fleischmüll & Co in einem Wagen voll Kochgerüche verbracht haben, erspare ich mir noch. Das fällt die Tatsache, dass wir seit zwei Tagen nicht mehr geduscht, aber reichlich geschwitzt haben, zumindest weniger ins Gewicht.

 
Lüften ist ziemlich schwierig, nur um das vorwegzunehmen, denn es stürmt und verbläst all unser Hab und Gut, sobald wir mehr als eine Wagenöffnung öffnen. Und beim Autovermieter anrufen können wir auch nicht, denn hier gibt es keinen Empfang, von Internet und dem Ergoogeln von möglichen Kühlschrankkrankheiten mal ganz zu schweigen. Das Wort "Zivilisation" mag nicht das weltschönste sein, das Konzept hat an manchen Tagen aber doch etwas Bestechendes.
 
So, ich hoffe, der Tag ist jetzt müde, denn ich habe genug von den Überraschungen dieser Sorte. Ich wünschte, ich könnte mich sofort in die Lucky Bay zurückbeamen…
Unten: Unter ferner liefen und nichts im Vergleich zum Cape Le Grand NP fällt leider der Fitzgerald River NP, eine menschenlose und tierlose Asphaltwüste

 


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