Ein nasser Wink des Schicksals

Regen prasselt uns an unserem letzten Morgen im schwimmenden Häuschen wach und schweren Herzens verabschieden wir uns von dem Traumhäuschen, den Booten in den Morgenwolken und den Schwänen. Das gute Timing verfolgt uns auch heute. Kaum wollen wir unser Zeug ins Auto tragen, hört der Regen auf. Zum Frühstück bleiben wir in der Pommernkate stehen, einem riesigen Gehöft, das zu Rügen-Shop und Restaurant umfunktioniert wurde und alles bietet, was frühstückshungrige Rügen-Fans begehren könnten, in unserem Fall vor allem ein leckeres Frühstücksbuffet und Stockrosensamen (letztere landen allerdings nicht am Teller).

Gegen 13 Uhr trudeln wir im vorreservierten Hotel etap in Berlin ein und sind bass erstaunt, wie nett die superbilligen Zimmer sind – und wie zentral am Alexanderplatz das Hotel gelegen ist. Abgesehen davon, dass sich der Gummiüberzug von meinem linken Fahrradlenkergriff auf der Autobahn verabschiedet hat, sind die Räder auch diesmal wieder heil (und dank Regen frisch gewaschen) mitgekommen.

Wir schwingen uns darauf und erkunden Berlin. Es ist ziemlich kühl und windig, aber wir sind von Rügen schon einiges gewohnt. Was wir allerdings nicht mehr gewohnt sind, ist der Verkehr: Radfahrer, Fiaker, Segway-Fahrer, Autos, Busse und viel Polizei kommen aber bestens miteinander aus – und auch die Fußgängermassen bleiben bei dem Samstagsnachmittagstrubel erstaunlich unverletzt und unbeeindruckt.

Eine interessante Erfahrung ist es auch, wie ich jetzt weiß, mit dem Fahrrad in eine Groß-Demo gegen Atomkraft zu kommen. Als Radfahrer wird man zwar toleriert – vielleicht weil die Demonstranten hinter Radfahrern automatisch Atomkraftgegner vermuten? -, aber die Fahrt entlang der Regierungsbauten, Museumsinsel, Reichsrat etc. wird zum Balanceakt und Geduldsspiel. Wer gibt nach? Wer sieht wen zuerst? Wer darf wen zuerst schneiden, rechts überholen, anspritzen?

Gerade als wir das durchgestanden haben, beginnt es zu tröpfeln. Was will uns der Wettergott sagen, wenn es genau vor Europas größtem Schokoladengeschäft zu regnen beginnt? Und was, wenn er während wir überlegen, ob wir nur in den Shop oder doch ins zugehörige Café gehen sollen, den Wasserhahn ganz stark aufdreht? Keine Frage. Diesen Wink versteht sogar ein Mann, der Apfelstrudel gegenüber jedem Schokotörtchen bevorzugt. Wir folgen seinem Wink und kehren im Café Fassbender & Rausch, dem größten Schokoladenhaus Europas) mit Blick auf den Gendarmenmarkt auf ein göttliches Törtchen und heiße Schokolade ein! Allerfeinst – wieder einmal hatte Chrissi recht mit ihrem gestern noch schnell nach Rügen gechatteten Tipp! Mein Orangen-Krokant-Schoko-Törtchen ist so schön, dass Max meint, dass er auch gerne mal solche Törtchen machen würde! Aber gerne, mein Lieber! Schon schön, wenn es jemanden gibt, der jene Portion Geduld aufbringt, die frau nur zweimal im Jahr erübrigen kann.

Nächster Stopp: KaDeWe! So steht es auf unserem Plan. Allerdings sind sich Garmin, Stadtplan und Max so oft uneins, dass ich beschließe, bei jedem Stopp ein Spontanfoto zu machen. So entstehen ganz witzige Bilder, die ich ein andermal nachtragen werde. Während Max denkt und versucht, sich einen Reim auf die widersprüchlichen Infos zu machen, schieße ich Fotos und freue mich ein wenig des Lebens.

Außerdem muss ich laut auflachen, als ich am Straßenrand einige Stände entdecke, die die gestern so herbeigesehnten Ivan Rebroff-Mützen en masse verkaufen. Doch ich bleibe standhaft – mir kommt kein Ivan aufs Haupt!

Im KaDeWe, das auf 6 Etagen eine ganz unglaublich verlockende Auswahl bietet, versuche ich dann, meinem Motto zu folgen: Man muss nur lange genug shoppen – dann lässt einen die nächste Regenphase trocken. Doch ich versage kläglich, hetzte mich ein klein wenig zu sehr und wir müssen bei fast schon dämmrigem Himmel um 16 Uhr über den Ku'damm radeln. (Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass ich im KaDeWe problemlose ganze Tage zubringen könnte; alleine die Food-Etage ist so gut bestückt, dass man Stunden darin schmökern und sich inspirieren lassen könnte.)

Noch einmal versuche ich mein Glück mit dem Wetter. Ich entdecke vom Rad aus (schwierig genug, bei all dem Verkehr gelegentlich auch einen Blick auf die Geschäfte zu erhaschen und einen Stopp durchzusetzen) einen Berlin-Shop, schreie meinen Shop-Wunsch 50 Meter nach vorne zu dem heute roten Punkt und schaffe es, lange genug darin zu verweilen, dass die Sonne in der Zwischenzeit wieder herauskommt. Gut, oder?

Habe ich erwähnt, dass wir mittlerweile mit einem Sack Berlin-spezifischer Bücher und einer großen Flasche Champagner in den Packtaschen unterwegs sind? Das kam so. Im KaDeWe entdeckte ich eine glorreich verpackte Veuve Cliquot-Flasche in Aktion und beschloss, mir zum allerersten (ehrlich!) Mal im Leben Champagner zu gönnen! Wer hätte gedacht, dass dieses erste Mal gerade in Berlin stattfinden würde und den Transport in Packtaschen und über Gehsteige und unter Regenwolken umfassen würde?

Nun ist es aber Zeit, unsere Einkäufe im Hotel abzuladen und kurz zu rasten, um gegen 18 Uhr nochmals aufzubrechen. Die Hackeschen Höf –, echt tolle Architektur, nette Läden und Restaurants, viel Leben – sind nur ein paar Kilometer vom Hotel entfernt und der letzte Stopp für heute im Rahmen unseres 24 Stunden in Berlin-Programms. Wir flanieren herum, besichtigen Cynthia Barcomis Café mit den amerikanisch angehauchten Snacks und unglaublichen Kuchen und Torten (da sollten wir mal gemeinsam einfallen, Chrissi!) und kehren dann hervorragend im Tapas-Lokal Yosoy ein und sehen den Fernsehturm nun auch bei Nacht und regenglänzenden Straßen. Die Heimfahrt gestaltet sich etwas schwierig: nicht nur dass meine WIndschutz-Sonnenbrille die Sicht behindert, fehlt mir auch das im Hotel vergessene Licht ein wenig, doch da man hier gerne auch auf den Gehsteigen fährt, tun wir das auch und freuen uns über einen weiteren höchst gelungen Urlaubsradfahrtag! Mein 333. Radkilometer im September und mein 157. Urlaubskilometer in diesem Herbsturlaub!

 


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