Best Exit Brooklyn

Eigentlich hätte dieser 30. Dezember wie viele seiner Vorgänger ja etwas stressiger werden müssen. Denn wie bei der Typbeschreibung zur Klassifizierung von Menschen in Weihnachtstiger und Weihnachtsmuffel gibt es wohl auch in Bezug auf die Jahreswende solche und solche. Was soll ich sagen? Natürlich gehöre ich auch hier zu SOLCHEN.

Solchen, die immer noch meinen, mit ambitionierten, aber dennoch einigermaßen durchdachten Neujahrsplänen (von den Neujahrsvorsätzen bin selbst ich schon lange abgekommen) ins neue Jahr zu gleiten, vorzugsweise mit langen Listen, durchnummeriert, priorisiert und mit drei verschiedenen Leuchtstiften markiert (was ich natürlich nie auch im Ansatz schaffe). Vielleicht auch, weil dieses Planen im reifen Wissen ist, dass "life is what happens while you're busy planning it", im Wissen, dass ich Abwechslung immer noch gegenüber Planmäßigkeiten bevorzuge – trotz allem stelle ich also heute Morgen fest, dass ich ziemlich blank bin, was das neue Jahr angeht.

Was müsste passieren, dass es auch nur annähernd mit den vergangenen beiden mithalten kann? Aber einen ersten Schritt zur Lösung dieses persönlichen Rätsels habe ich ja bereits gestern bewältigt, als ich meinen Wunsch an die Times Square Wishing Wall gesendet habe.

Dermaßen von allerlei wirren Gedanken, Plänen und Visionen begleitet beginne ich den Tag mit einer kulinarischen Kreation: Eier im Glas in Trifle-Form, also mit allerlei Schichten drin, Speckwürferl, Käse, Kräuter und das, was hier oft "soldiers" heißt – Toastbrot-Sticks.

Dann erkunden wir nach Manhattan und Queens den dritten Bezirk von New York City: Brooklyn. Und dieser übertrifft alle Erinnerungen (okay, weiter als bis auf die Brooklyn Bridge habe ich es bei früheren Besuchen nicht gebracht) und alle Erwartungen.

Idyllische Gassen, Ziegelbauten mit Veranden, urige Lokale und natürlich der unübertreffliche Blick von der Brooklyn Esplanade auf die Skyline von Manhattan. Dazu noch von allen Ecken ein toller Blick auf die berühmte Brooklyn Bridge. Ich kann mich nicht satt sehen und satt fotografieren, wodurch ich es heute auf 353 Fotos bringe – mehr noch als am Tag der Eichhörnchen im Central Park!

Um uns von all den Eindrücken und den leichten Erfrierungen – es ist zwar nicht so windig wie gestern, aber doch sehr kalt – zu erholen, pilgern wir nach DUMBO – nein, nein, das hat nichts mit großen Ohren zu tun, sondern ist ein Akronym für Down Under the Manhattan Bridge Overpass – und kehren in Bubby's Pie Company ein. Max probiert ein Lachs-Creamcheese-Omelette, ich eine Sour Cherry Pie. Auch von hier ist die Brooklyn Bridge gut zu sehen, was das kulinarische Erlebnis zusätzlich aufwertet.

Es folgt ein zweiter Besuch in Soho, ein kurzer Stopp im Apartment und dann die Krönung dieses Tages: der Besuch des Rockefeller Centers und zwar der Aussichtsplattform "Top of the Rock". Wir beobachten, wie die letzten Sonnenstrahlen Manhattan in ein goldenes Licht tauchen, ehe die Nacht hereinbricht und die Lichter der Stadt – zuletzt auch die des Empire State Building in weihnachtlichem Rot und Grün – angehen.

Max: Auf dem Weg zum Rockefeller Center kämpfen wir uns durch die Menschenmassen an der Peripherie des Times Square und sehen uns in unseren Vorsatz, auf einen Besuch selbigen Platzes in der Silvesternacht zu verzichten, nachhaltig bestärkt. Das, was morgen hier abgehen wird, ist für Menschen mit leichten klaustrophobischen Anwandlungen die Manifestation des schieren Wahnsinns: mindestens 6 Stunden geschlichtet wie die Ölsardinen auf engstem Raum ausharren – nach 18 Uhr wird keiner mehr hineingelassen – bei striktem Alkohol- und Proviantverbot (= keine Rucksäcke erlaubt). Das mit dem Alkohol ist wahrscheinlich gar nicht so blöd, denn Klos gibt es außer in den umliegenden Lokalen auch keine; wer trotz Dehydrierung seine Blase ob der Kälte nicht unter Kontrolle hat und schnell mal bei McDonalds reinschneit, hat allerdings keine Garantie, dass er/sie den abgesperrten Bereich wieder betreten darf und kann dann mit einer Horde völlig Unbekannter den Jahreswechsel feiern. Danke, nix für mich, lieber an anderer, noch nicht fixierter Stelle ein Feuerwerk bestaunen und dem neuen Jahrzehnt zuprosten.

Als Abschluss des Tages folgt der Kauf des billigsten Koffers, dem wir zutrauen, alle unsere nachgekauften Habseligkeiten zu beherbergen und sicher nach Hause zu transportieren, ohne einen Angriff aufs Auge darzustellen. Angesichts der Finsternis, bei der wir das gute Stück um kundenfreundliche 40 US-Dollar erwerben, sind wir uns über die Farbe nicht ganz einig. Auf meine Bitte um eine Rechnung reagiert der Händler in diesem kleinen Geschäft allerdings etwas befremdet. Schließlich hält er mir den Rechnungsblock hin und fordert mich auf, alle Daten einzusetzen. Zuletzt heftet er eine Visitenkarte daran und setzt eine Art Unterschrift darunter, bei der ich mich frage, ob ich hier vielleicht an einen Vertreter jener 22% der New Yorker gekommen bin, die nicht lesen und schreiben können.

 


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