Shiatsu, weite Tunde

Meine rechte Zeigezehe bohrt sich ungeniert und willenlos in fremdes Fleisch in einer knappen Short. Ein Mann schnarcht nur 10 cm von meinem Ohr entfernt. StammleserInnen ahnen es: es ist wieder Paar-Shiatsu-Zeit. Weite Tunde, wohlgemerkt, oder, für des Thai-Deutschen nicht Mächtige: zweite Stunde.

StammleserInnen werden sich vielleicht auch fragen, warum wir uns das erneut antun – die Qualen, das etwas beengte Ambiente (siehe Foto), das Ausgeliefertsein, einer fremden Sprache, einer fremden Kultur und einer fremden Technik. Diese Frage stelle ich mir auch. Da ich mir jeglichen Hang zum Masochismus abspreche, muss a) mein Gedächtnis von einer leichten Demenz oder zumindest einem starken Selbstschutz befallen oder b) die letzte Shiatsu-Behandlung doch irgendwie auch gut gewesen sein. Oder haben wir uns danach nur aus lauter Erleichterung darüber, dem Schicksal entronnen, dem Nahtod von der Schaufel gesprungen (oder vielmehr von der spartanischen Matratze gerollt) zu sein, spontan einen Zehnerblock einreden lassen?

Jetzt liege ich also wieder hier und plage mich mit monumentalen Fragen: Wie kann der Mann an meiner Seite so tief und laut schlafen, wenn ich nur 10 cm daneben Schmerzen erleide, obwohl ich natürlich versuche, dies leise und heldenhaft zu tun? Oder ist er weggeschlafen, weil seine Druckpunkte den thailändischen Energien nicht standgehalten haben? Auch das Lachen der beiden Masseurinnen weckt ihn nicht, und auch nicht mein Stöhnen. Letzteres ist unvermeidlich, obwohl die Dame in den knappen Shorts heute netterweise jenen Punkt in der Behandlung überspringt, bei dem ich letztes Mal den Eindruck hatte, dass sie sich auf ihre Unterarme auf meinen Schulterblättern gestützt in den Kopfstand bewegen will. Danke! Den beiden Damen dürfte also doch an unseren Besuchen gelegen sein. Sie bestanden noch nicht einmal darauf, dass wir so wie sie in Badeschlapfen der Größe 60+ schlüpfen, um vom Vorraum in unser "Luxuszimmer" zu schlurfen (das Vorbild, kleine zierliche Thai-Dame in schwarzem zierlichen Kleidchen in blau-weiß gestreiften, etwa 2-Fuß-großen und ergo wenig zierlichen Badelatschen, leider ohne Foto).

Vielleicht verdanken wir diese vergleichsweise zarte Behandlung aber auch unserem fortgeschrittenem Stadium in Sachen Shiatsu. So viele Leute werden nach der Schnupperstunde nicht wiederkehren, so lautet eine meiner Theorien über die heutige Nachsicht mit uns. "Weite Tunde", das merkt man auch daran, dass ich beim genuschelten "Mmmdn" sofort weiß, dass ich mich umzudrehen habe, von der Rückenlage mit steifem Nacken und Blick auf die heute tierfreie gelbe Wand in die Bauchlage mit Blick auf die beiden gelenkigen Masseurinnen an unseren Fußenden. Gerade eben haben sie aufgehört zu lachen. Nur mehr Max' Schnarchen stört die klassische Thai-Musik im Hintergrund. Etwas irritiert vom plötzlichen Schweigen blicke ich auf. Und sehe die beiden, wie sie ratlos und bekümmert auf meine linke große Zehe starren. Das habe ich auch schon oft versucht, bislang ohne Erfolg. Aber wenn es ihnen gelingt, kleine Unschönheiten wegzustarren, halte ich ihnen bei den nächsten Besuchen gerne noch andere Körperteile hin – und überhaupt empfehle ich sie gleich noch lieber weiter, vielleicht gegen eine winzige Vermittlungsprovision, die mich ganz schnell zu einer ganz reichen und dank ausgelebtem Helfersyndrom glücklichen Frau machen würde. Was ist schon ein bisschen Ausgelachtwerden, ein bisschen Angestarrtwerden, wenn danach alle Schönheitsfehler meditativ weggestarrt sind?

Was man sonst noch für einen zunehmend herbstlichen Tag in Wien braucht?
Leckeres Frühstück im herrlichen Cafe Edison inklusive den besten Croissants der Stadt und der zweitbesten hausgemachten Haselnusscreme (Nummer 1 weiterhin das Motto am Fluss), ein Besuch im Outlet Center Parndorf inklusive Airstream-Imbissstand und Enzi-Sofas, einer 50minütigen Desigual-Anstellorgie für 40% Preisnachlass und Hemden-, Pyjama-, Anzug- und Radfahroutfit-Schnäppchen, ein Besuch des Edelstoff-Marktes in der alten Anker-Halle und ein Besuch am Wiener Westbahnhof, Zeitschriften-Shopping (Marie Claire Idées, Good Ideas und Jamies Sommerrezepte) und wunderbares Schwarzbrot vom Traditionsbäcker Heberer inklusive. Und dann: COCOONING. Ein Tag Herbst kann so schön sein, auch wenn er sich mitten in den Mai verirrt hat.

 


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