Ein bisschen Botswana und etwas Kanada an einem Hauch von Wien

Sprachlos. Und ein wenig ratlos ob meiner seltsamen Veränderung. Eine verspätete Midlife Crisis mit unerwartet positiven Folgen? Ein überaus verfrühter Pensionsschock mit ebenfalls unerwartet positiven Folgen? Herbst gefällt mir neuerdings, schon seit fast zwei Wochen. Ein neuer Rekord. Eine Premiere auf meine alten Tage. Ein unfassbarer Umstand. Wie konnte das passieren?

Wenn es gelänge, dieses Rätsel zu lösen, könnte ich mir vielleicht den noch zu begründenden und dann hoffentlich rekordverdächtig hoch dotierten Nobelpreis für Antiwinterbluesstrategien sichern. Ob es allerdings wirklich glaubwürdig wäre, das bisherige Ausbleiben des Herbst-Blues (zumeist gleich mit integriertem Winter-Blues) auf ein Paar fröhliche Gummistiefel, einen neuen Herbstmantel und eine besonders kuschelige Fleecejacke zurückzuführen, auf ein paar Back- und Seifensiedeorgien, auf unzählige Radausflüge und viel Zeit nach meinem Geschmack? Da ich dann auch weiß, welche Branchen dann wohl bald boomen würden, könnte ich auf die richtigen Aktien setzen und dann neben Nobelpreisträgerin auch noch richtig reich werden…

Beim samstäglichen Triathlon – mit den Öffis zu Naschmarkt, Gumpendorfer- und Mariahilferstraße mit ausgiebigen Fußmärschen, mit dem Auto zum Kreativmarkt nach Gerasdorf, mit dem Fahrrad in die Lobau – stelle ich fest, dass mir langsam einiges durcheinander kommt. Am Fahrrad greife ich nach dem Sicherheitsgurt, im Auto freue ich mich über den Anblick eines Radwegs, der sich dann rasch als zu schmal für mein Auto herausstellt, in den Öffis will ich den Radio aufdrehen oder am Tacho meine aktuelle Durchschnittsgeschwindigkeit checken. Nur zu Fuß bin ich, was ich immer bin: glücklich, dass ich weder Parkplatz noch Fahrradständer suchen muss, und unglücklich, weil ich die Einkäufe und die Beinchen nirgends zwischenlagern kann, wenn gerade mal wieder eine akute Fünfminutenerschöpfung einsetzt.

Bei der Fahrt in die Lobau – unser 3. Versuch, mit Kamera UND blauem Himmel den Herbst zu genießen – entdecken wir ein ganz idyllisches Plätzchen. Einziger Wermutstropfen: wir sind nicht die Ersten. Die Palette der hier "Ansässigen" ist faszinierend breit gestreut: von FKK-Besuchern, die sich bei gemessenen 12 und gefühlten 25 Grad der Ganzkörpersonne hingeben, bis zu solchen in dicken Herbstjacken ist alles vertreten. Wir radeln durch savannenartige afrikanisch anmutende Regionen, wo nur noch die Elefanten zum Botswana-Glück fehlen, auf engen tasmanischen Dschungelpfaden, wo ich sehnsüchtig auf die Kängurus warte, und enlang kanadischer Gewässer mit herrlichem Spiegelungen und schönem Herbstlaub. Erst auf der Rückfahrt über die Donauinsel, genau genommen bei Toni's Inselgrill, wo man schon Urwiener sein muss, um alles zu verstehen, wird uns unmissverständlich zu Ohren getragen, wo sich unsere kleine Weltreise tatsächlich zugetragen hat.

 

 


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