99 Feuerwerke und ein neues Jahr

Willkommen, 2013! Wenn wir dich richtig herzlich willkommen heißen, wirst du uns dann auch ganz viel Glück bringen? Und wenn schon nicht Glück, dann Zufriedenheit? Und wenn schon nicht Zufriedenheit, dann zumindest Gelassenheit? Oder am besten alles? Ach, und wenn du schon dabei bist: Eine Portion Bescheidenheit und Am-Boden-Bleiben dürftest du auch in die Grundausstattung für 2013 werfen…

Jedenfalls kann man uns nicht vorwerfen, dass wir uns nicht bemüht hätten, dir einen guten Einstieg zu bescheren. Nach einem tollen Silvester-Dreigänge-Menü in unserem Apartment finden wir uns gegen 20 Uhr in der Watson's Bay zu den Family Fireworks, auch Rentnerfeuerwerk genannt, ein. Wir lieben diese Bucht, von wo aus wir auch schon oft mit der Fähre in die Stadt gefahren sind. Großer Park, schmaler Strand, ein paar Lokale (unter anderem The Tea Garden und Doyles on the Beach), riesige Bäume, ein paar Palmen – und natürlich viele viele Boote.

Um 20:45 Uhr stockt den Hunderten Paaren, Gruppen, Familien und Großfamilien, die sich anders als an vielen anderen Aussichtspunkten hier relativ ungedrängt anordnen, kurz der Atem als über der noch sonnenuntergangsgeröteten Skyline plötzlich vier rote Leuchtsäulen aufsteigen. Doch nichts weiter passiert. Erst Punkt 9 Uhr wird die fulminanteste Lichtshow, die ich je gesehen habe, in Szene gesetzt – über der Harbour Bridge in der Ferne sowie der Skyline von Sydney. Nebeneinander laufen drei bis vier Feuerwerke ab, darunter Riesenkugeln, die auf uns zuzukommen scheinen, UFO-artige Scheiben und andere Traumszenerien, die sich im Meer spiegeln und die Papageien in den Bäumen und die Kinder unter den Bäumen gleichermaßen zum Kreischen bringen. Ich gebe zu, auch meine Jubelschreie waren nicht ohne, das stellt sich zumindest später heraus, als wir Max' Feuerwerksfilmchen zuhause ansehen. Bei einigen ganz besonders tollen Elementen geht ein anerkenndes Raunen, Jubeln und Toben durch die Menge, als ob Pavarotti gerade eine unerwartete Zugabe gegeben oder Toni Polster mit einem Fallrückzieher das WM-entscheidende Tor für Österreich geschossen hätte. (Okay, Zweiteres war jetzt ein bisschen weit hergeholt (Max: das ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts), aber man möge es mir nachsehen, der Rausch von diesem Feuerwerk hält auch 10 Stunden später noch an! Und tatsächlich war ich von diesem Schauspiel richtig ergriffen, ein bisschen wie bei einem sehr unerwarteten Happy End, wo sich schlussendlich die beiden Outcasts in die Arme fallen und gemeinsam in das Beach Cottage ihrer Träume einziehen. Ooooops, da ist mir jetzt etwas durcheinander gekommen, aber egal; ich war ergriffen und habe zum ersten Mal auf dieser Reise auch so richtig realisiert, dass ich mir da gerade einen ganz großen Traum erfülle.)

Für das 24-Uhr-Feuerwerk haben wir einen ganz besonders menschenarmen Platz gewählt, das Fenster unseres Apartments, von dem aus man das Feuerwerk am Bondi Beach sehen kann. Das kann man tatsächlich, doch nach dem fulminanten Erlebnis in der Watson' Bay ist dieses Feuerwerk leider nur ein mickriger Abklatsch. Und das stundenlange Partygedröhne ist da auch nicht gerade eine Hilfe – zumindest nicht, wenn man sich an das eigene Pubertätsalter kaum mehr erinnern kann und grölende, betrunkene Menschenmassen nicht der bevorzugte Aufenthaltsort sind.

Die hatten wir nämlich schon, auf der Busfahrt zurück von der Watson's Bay nach Hause. In unserem 380er-Bus fahren nämlich jede Menge Jugendliche irischer Herkunft mit: ("Jede Menge" ist wirklich viel, wie einer der Rädeslführer gut beobachtet. "There's more Irish people here than in Ireland!", und so fühlt es sich auch an, vor allem, als sich auch diverse Erwachsene als Iren outen.) Sie alle sind anscheinend extrem gut geeicht und mindestens ebenso erfinderisch. Da man auf die Veranstaltungsorte mit Blick auf das Feuerwerk oft keine Flaschen mitnehmen darf (zumindest nicht auf die, bei denen man anders als in der Watson's Bay Eintritt bezahlt), haben die jungen Iren etwas umfunktioniert, was aussieht, wie die Außendusche eines Wohnmobils. Es ist ein Sack, der unten eine Art Ventil aufweist, aus dem man bequem Alkohol in die mitgebrachten Plastikgläser einfüllen kann. Das tun sie dann auch, und weil sie menschenfreundliche Iren sind, bieten sie auch den mitfahrenden Gästen etwas ein. Weil sie aber auch eine weniger menschenfreundliche Seite haben, beginnen sie zu singen, wobei "singen" jetzt eher in die Kategorie der Übertreibungen fällt. Viele der Songs sind kaum zu erkennen, doch das hält die anderen Busgäste nicht davon ab, aus vollster Kehle mitzusingen. Besonders toll ist es, die Gesichter der neu dazu einsteigenden Gäste zu beobachten. Sobald sie erkennen, was sich in dem voll gestopften Bus tut, bekommen sie riesige Augen, dann einen offenen Mund, dann schütteln sie den Kopf und grölen mit. "We will rock you" erkennen sogar wir, und wäre ich nicht vollauf damit beschäftigt, mir die Tränen wegzuwischen, die ich lache, hätte ich wohl eingestimmt. Als kleine Entschädigung für den nahezu stoisch anmutenden Busfahrer steigt aber auch niemand aus, ohne ihm ein "Happy New Year" zugeworfen zu haben.

Dazwischen bleibt natürlich auch Zeit für ein kleines Fazit: Ich stelle mit Freude fest, dass ich nur ein einziges Ziel des Jahres 2012 richtig schlimm vermasselt habe. Von den vier Sonntagen im Bett, die ich mir – ohne Krankheitsfall – gönnen wollte, habe ich keinen einzigen geschafft, aber das will ich mir nachsehen. Für das nächste Jahr gebe ich das Motto aus: Worry is a waste of creative energy, jawohl! Versuch's mal ohne Sorgen… Sollte mir das gelingen, werde ich mir das Erfolgsrezept a) patentieren lassen und es b) gerne zum Selbstkostenpreis (Reisekosten für 99 Tage Sommer) an euch weitergeben. In diesem Sinne: Alles Gute und viel Erfolg!

 
Das Silvestermenü: Ziegenkäse-Töpfchen mit Pesto-Boden und süß-saurer Tomatensalsa, Barramundi im Pancetta-Mantel mit buntem Gemüse sowie Brownie-Himbeer-Trifle mit Vanillecreme und Mandelsplittern
Family Fireworks um 9 Uhr abends in der Watson's Bay
 
Um Mitternacht die im Vergleich eher mickrige und kurze Kopie am Bondi Beach…

Noch einmal stoßen wir an und wünschen euch allen ein ganz besonders glückliches und gutes neues Jahr! (Und während wir bereits einigermaßen ausgeschlafen den neuen, sonnigen Tag – 1. Jänner 2013 – begrüßen, denken wir daran, dass Ihr gerade erst dabei seid, herüberzurutschen. Nicht schlecht: Ihr vielleicht nicht einmal noch richtig fröhlich getrunken und wir schon wieder fast putzmunter mit dem Rauschen der  morgendlichen Brandung im Ohr.)

P.S. Erste Erkenntnis des noch jungen Jahres: frischer (in jedem Sinn des Wortes) als mit einem Schwumm im Pazifik kann man ein neues Jahr nicht begrüßen. Highly recommended!

 

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