Leseprobe 4

13.04.2008 – Schaum vor dem Mund und porentief rein

Heute war Großstadttag. Nach einer – relativ – kurzen Fahrt landen wir, ganz ohne Verfahren, zunächst bei Aldi und dann gegen 10 Uhr morgens am Big4 Campingplatz Ashley Gardens in Melbourne. Wir dürfen sogar gleich einchecken und fahren mit dem Bus in die Stadt.

Hier darf Max dann seine Small Talk-Kenntnisse anwenden, denn die Busfahrt ist recht lang und neben uns setzt sich ein leicht betrunkener, aber umso gesprächigerer älterer Herr. In der Hand hält er eine halbleere Flasche Bier – wie hier üblich natürlich in eine braune Papiertüte gepackt. Innerhalb weniger Minuten erfahren wir, dass er a) die letzte Nacht nicht nach Hause gekommen ist und b) sich jetzt fürchtet, dass ihn seine Frau nicht hereinlassen wird (wofür ich durchaus Verständnis habe), c) dass – auf die Bestätigung von Max, dass wir aus "overseas" sind – seine Frau mit einem finnischen Profi-Langläufer verheiratet war (sie hat sehr jung geheiratet), der d) "a beautiful man" ist und e) Melbourne viel breitere Straßen als Sydney hat (und daher natürlich besser ist), es f) derzeit 7 Grad mehr als sonst um diese Jahreszeit hat (was mir bei diesem Wind immer noch um 15 Grad zu kalt ist) und g) er selbst auch ein "good man" ist.

Max ergeht sich höchst professionell in Aussagen wie "Really?", "Isn’t it?" und "Yeah, I guess so" und freut sich ebenso wie ich, als die alte Saufnase endlich aussteigt und wir wieder durchatmen können.

Wir nehmen die Straßenbahn in den Küstenvorort St. Kilda, wo heute ein Sonntags-Kunsthandwerksmarkt stattfindet und wir danach wie alle Einheimischen nach dem Besuch desselben in eines der Tausenden Cafes in der Acland Street einkehren, genau genommen ins Kat Bahloo auf Spinat-Pilz-Risotto und ein Steak-Sandwich und dann, wie noch mehr Einheimische, in eine der vielen europäisch angehauchten Konditoreien.

Hier gibt es mit Koogelhoupf und Kugelhof jede Menge Gugelhupf-Variationen ebenso wie sehr sehr hohe Torten jeder Art. Nun ja, im "echten Leben" hätte ich auf dem Markt wohl nicht der tollen Glasschale in Rockpool-Design widerstehen können, doch ein heikles Glasding noch Monate lang mitzutransportieren schein mir noch abwegiger als der vage in Betracht gezogene Kauf eines Schokofondue-Sets.

Beim People Watching komme ich endlich dahinter, wie es die Einheimischen bei diesen Temperaturen (nachts sicher nicht mehr als 5 Grad, denn wir wachen fast zu Eisblumen auf, die jeden Vorhang im Camper unnötig machen würden) in Flipflops aushalten. Die Kellnerin führt es vor: ärmelloses Top, Minirock, Flipflops UND Legwarmer!!! Da passen Winteressen in Form von Risotto und Konditoreibesuch doch bestens, oder?

Danach fahren wir noch eine Runde mit der kostenlosen Stadt-Straßenbahn, um uns einen Eindruck von Melbourne zu verschaffen und lassen uns von einem Straßenbahnfahrer ausführlich das Vielfarbensystem der hiesigen Züge erklären und von einem anderen seine Ignoranz gegenüber Bushaltestellen beweisen. Ich sag nur so viel: es hat mir vor 17 Jahren schon nicht besonders gefallen, und daran hat sich trotz aller Moderne nichts geändert. Sehr europäisch, Alt zwischen Neu, viel Grün, aber eben nichts Besonderes. Und auch das SFS (Stadtfluchtsyndrom) macht sich bei uns beiden bemerkbar – keine Lust auf Stadt und viele Menschen!

Zurück am Campingplatz sorgen wir für einiges Gelächter, denn bei der Rezeption frage ich, was sie denn unter "Indoor Spa" verstehen. Ich hielt ein "spa" im englischen Sprachgebrauch ja immer für einen Whirlpool, doch bei der Apartment-Suche in Sydney mussten wir feststellen, dass ein Zimmer mit Spa einfach eine Badewanne statt nur einer Dusche beinhaltete. Als ich heute am Campingplatz den Hintergrund meiner Frage erkläre, bekomme ich nur schallendes Lachen, denn hier ist es einfach ein Whirlpool, den man mieten kann.

Daher buchen wir uns am Abend eine Stunde "Spa". So sauber waren wir seit unserer Abreise am 19.1.2008 nicht mehr. Allerdings beginnt unser Whirlpool-Erlebnis aber etwas überschäumend, denn Max drückt alle 3 verfügbaren Regelknöpfe gleichzeitig, was dafür sorgt, dass uns der Schaum innerhalb weniger Minuten bis zur Nasenspitze steht, wir uns gar nicht mehr sehen und wegen des Rauschens auch nicht mehr hören können. Aber es macht richtig Spaß, mal ausgiebig im heißen Wasser zu planschen, auch wenn das Durch-die-Kälte-zum-Camper-Gehen wegen der nassen Haare etwas frisch ist. Was ich nun tagelang nicht "durfte", nämlich unseren zusätzlich gemieteten Mini-Heizstrahler, rund, Durchmesser ca. 25 cm, anzuwerfen, erlaube ich mir nun, um damit – Ober¬arm¬training inklusive – meine Haare zu trocknen. Praktisch veranlagt kommt man eben besser durch’s Leben, auch wenn ich schon handlichere Föhne gesehen habe…