Macht Reisen gelassen?

An diesem Samstag, der nicht einmal mehr mit viel gutem Willen als Sommertag zu werten ist – es schüttet und hat seit gestern Abend, als ich spätabends noch am lauen Rathausplatz saß, um 10 Grad abgekühlt – kann es schon vorkommen, dass man sich so seine Gedanken macht. Der Abschied vom Sommer fällt nicht leicht, egal, wie trotzig man ihm jede sonnige Minute abgerungen hat, egal mit welch frivoler Keckheit man bislang den wettermäßigen Widrigkeiten getrotzt hat. Mit der Nachdenklichkeit bin ich aber nicht alleine, denn der Reisebericht von Rüdiger Barth liefert einigen Stoff zum Nachdenken, als ob ich nicht selbst genug davon hätte…

Norfolk Pine, Manly, SydneyIn seinem Buch über seine Weltreise zu zweit "Endlich weg" fasst er im Rückblick über seine Reise etwas in Worte, was gar nicht so leicht auszudrücken ist: In uns ist eine Gelassenheit, die wir nicht kannten. … Mich hat die Form des Lebens erwischt, auf unerwartete Art: innerlich. Reisen befreit vom Kreisen um sich selbst. Reisen richtet aus. Reisen macht gerade. Man muss manchmal raus, um mit sich ins Reine zu kommen. … Wir sind verflucht stolz auf uns. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue ein Loch in den Bauch, dass wir den Arsch hochgekriegt haben. Da kann ich ihm ehrlich nur recht geben!

Auch über die Wirkung, die das Meer auf manche Menschen hat, schreibt er treffend: Stell dich an die Brandung von Manly oder Maroubra, an einem dieser Tage. Nichts, was mir einfiele, das einen so bei sich sein lässt. Ich kann mich auflösen am Meer. Ja, das ist wirklich so. Ich spüre mich dann nicht mehr. Ich bin mit mir im Reinen, ein Gefühl, das ich bei anderen oft beobachte und von mir selbst selten kenne. Das Meer stellt wer weiß was mit einem an. Mittags Zeitung lesen, Kaffee trinken, aufs Meer starren. Immer wieder dieses Aufs-Meer-Starren. Und in die Wolken gucken und sich drauf freuen, gleich wieder aufs Meer zu starren. Dass er hier auch noch von meinem Traumort Manly spricht, macht seine Aussage für mich nur noch wahrer. Ich sehe die Norfolk Pines im Sonnenaufgang vor mir, rieche das Meer und könnte springen vor Glück!

Zu Sydney meint er: Sydney zeigt uns, wie wir wären, wenn wir die Dinge locker nähmen. Es wird nicht alles gut. Aber das sonnige Lebensgefühl, das hilft. Es ist eine andere Schwerkraft, hier. Tja, hab ich nicht selbst über Sydney immer gesagt, dass ich mich dort so unbeschreiblich leicht gefühlt habe, unbeschwert wie selten zuvor?

Auch gefällt mir seine Analyse über die eigene Ersetzbarkeit: Mit mehr Abstand wird mehr egal. Am Anfang sagt man es sich nur, jetzt hat man sich selbst bewiesen: Man ist sowas von ersetzbar. … Das führt zu einem großen Gefühl der Unabhängigkeit. … Zeithaben ist Alltag geworden. Kein rastloses Auskosten jedes Tages, man gönnt sich Launen, weil man ja sonst nichts zu umsorgen hat.

Auch die Beweggründe für das Reisen werden thematisiert: Wir sind glücklich in unserem Job, aber etwas scheint zu fehlen. Da ist immer ein Stachel. Der Stachel ist der Grund, warum wir hier sind. Die Frage ist, sagt er leise, ob du glücklich bist in dem, was du tust, ob du glücklich bist da, wo du lebst. Wenn du zu lange unglücklich bist, bist du verloren. Viele sind unglcklich mit ihrem Leben, und dennoch wagen sie nicht, etwas Neues anzufangen. Sie fürchten den ersten Schritt. Dabei kommt alles andere von selbst, wenn man erst mal den ersten Schritt gemacht hat. … Eine Ahnung drängt sich mir auf: Dieser Stachel verlässt uns nicht. Wird uns niemals verlassen. Vielleicht ist es auch gut so. Vielleicht ist es dieser Stachel, der das Leben ausmacht. Dass es da draußen noch andere Leben zu leben gäbe – es ist ein Gedanke, der nachdenklich macht und zugleich die Sinne schärft.


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